#bloggerfuerflüchtlinge Was ist hier los???

Vor einigen Tagen habe ich folgendes Erlebt. An einer Ampel stehen vier Schulkinder, ca. 10-12 Jahre alt. Direkt daneben ist eine Bushaltestelle an der mehrere Erwachsene auf den Bus warten. ALLE! müssen den folgenden Dialog der Kinder gehört haben, KEINER von denen fand sich bemüßigt etwas dazu zu sagen, nicht einmal als ich bereits eingeschritten war. Das oft gehörte Argument zu unterlassener zivilcourage, man hätte sich selbst nicht in Gefahr bringen wollen, kann man hier wohl wirklich nicht gelten lassen.

Was war eigentlich los? Die vier waren von der selben Schule, zwei Jungs aus der gleichen Klasse und 2 Mädchen aus einer anderen. Die beiden Jungs waren offensichtlich gemeinsam unterwegs, die Mädchen unterhielten sich zunächst auch gut. Eines der Mädchen war schwarz, die anderen drei nicht. Der Junge fing an mit
„ey, wo kommst du eigentlich her?“
Sie: „aus Hamburg“
Er:“kann nicht sein, du bist ein Neger“ Beide Jungs lachen.
Sie:“Na und?“.
Der Kumpel fängt an zu kichern, das andere Mädchen blickt unsicher und betreten beiseite. Der Junge ist offensichlich unzufrieden damit, das er nun nicht der große Held ist und sie ihm die Stirn geboten hat. Kurzes schweigen.
Ein Laster mit 12Fuß Container fährt auf der Straße heran.
Er:“Ey da kommt dein Bus, der holt euch alle ab und verschifft euch zurück, ihr Sozialschmarotzer.“
Er lacht, sein Freund kichert.
Ich bin sprachlos. Was kann man dazu sagen? Das sind eindeutig nicht die Ideen und Gedanken eines Kindes, das hat man gehört und nachgeplappert. In einem Alter allerdings, in dem schon durchaus auch selbst gedacht werden kann.
Die Ampel wird grün, die beiden Mädchen wollen losgehen. Ich sage „wartet mal kurz“, ohne zu wissen was ich eigentlich sagen will, nur dass das so auf keinen Fall stehen gelassen werden darf. Wir stehen nun alle an der Ampel, die gesamte Bushaltestellenbesatzung schaut zu uns. Ich frage den Jungen „was hast du grade gesagt?“.
Schweigen, wegsehen.
Okay, er steht nichtmal dazu. Jetzt bin ich wütend, und das bringt die Stimme zurück.
Ich erkläre ihm dass es überhaupt nicht lustig ist was hier grade passiert ist. Frage ihn, ob ihm klar ist, dass das was er grade gesagt hat rassistisch ist. Und zwar ziemlich übel rassistisch. Schweigen, dann „ich kann sagen was ich will, ICH (dabei zeigt er auf sich) lebe in einem freien Land“.
Meine Stimmung gleicht nun einem Schnellkochtopf kurz vor der Explosion. Ruhig bleiben, nicht ausfallend werden, nicht von Kindern provozieren lassen, einmal durchatmen.

Ich erkläre ihm (erstaunlich ruhig) das wir alle im gleichen Land leben. Gemeinsam. Und das in diesem Land bei aller Freiheit zum Glück auch strenge Regeln herrschen. Das die Freiheit des einen da endet wo er beginnt andere zu verletzen, auszugrenzen, einzuengen. Und dass er diese Regeln grade massiv verletzt hat. Das er deswegen Angezeigt werden könnte wenn er schon 14 wäre. Ob ihm das klar ist?
Er schüttelt kurz betreten mit dem Kopf. Ich schlage ihm vor sich mal zu entschuldigen, aber er bringt kein Wort hervor. Sein Kumpel meint nun Oberwasser zu haben und kichert vor sich hin.
Grrr, das ist ja auch ein guter Freund.
„Das mit dem Entschuldigen gilt auch für dich!“
„Ich hab doch garnichts gesagt, ich hab doch nix gegen die“, er zeigt auf die beiden Mädchen.
Ich versuche ihm klarzumachen dass daneben stehen und mit lachen anfeuern nicht besser ist. Er sollte sich mal überlegen ob er nicht auch eine eigene Meinung hat, schließlich ist er ja kein kleines Kind mehr. Was das für eine Freundschaft ist, in der man den anderen nicht von dummheiten abhält sondern anfeuert um wenn man erwischt wurde zu sagen dass der Freund allein schuld ist.
Nun sind beide Jungs still.
Zu den Mädchen kann ich nur sagen, dass sie mir imponiert hat mit ihren starken Antworten und ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Begleiterin den Tipp geben dass es schwierig ist solchen Jungs etwas zu entgegnen, aber dass man es üben muss.
Nun sind alle stumm.
Die Ampel wird wieder grün, die beiden Mädchen verabschieden sich und gehen.
Wir stehen noch zu dritt da.
Die Ampel wird wieder rot.
Die Jungs müssen wohl nochmal nachdenken, ich irgendwie auch.
Zu den Leuten an der Bushaltestelle sage ich noch „von euch hätte auch mal einer was sagen können“ und ernte betretenes wegsehen. Als es grün wird fahre ich los.
Von der anderen Seite sehe ich wie mir der Junge den Mittelfinger zeigt und sein Freund ihn tatsächlich versucht davon abzuhalten. Na, vielleicht hat weningstens er was mitgenommen.
Ich habe noch eine längere Strecke Fahrrad zu fahren und somit Zeit nachzudenken, aber auch 15 km, 40 min und reichlich Bewegung später ist das ungute Gefühl nicht verschwunden. Was ist hier eigentlich los??? Was geht hier schief, in welchem Umfeld voller Hass und Frust müssen Kinder leben die so etwas von sich geben? Und was müssen wir tun um das zu verhindern? Ich bin ohnmächtig und sprachlos. Ich hoffe meinen Kinder ausreichend selbstbewusstsein und das Interesse an eigenständigem Denken mitzugeben, dass sie in ähnlichen Situationen nicht sprachlos bleiben. Das ungute Gefühl bleibt.

Verlinkt bei Blogger für Flüchtlinge, weil wir dafür kämpfen müssen, dass ALLE willkommen sind und nicht noch die nächste Generation hier diskriminiert wird.





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